Multiple Sklerose und sexuelle Dysfunktion

Sexuelle Dysfunktion bei MS-Betroffenen gezielter erkennen und wirksamer behandeln

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Multiple Sklerose: Sexuelle Dysfunktion wurde unterschätzt

„Das Gespräch über Sexualität kam in der therapeutischen Versorgung von Menschen mit Multipler Sklerose bislang zu kurz“, betonte Prof. Jiwon Oh, Neurologin am St. Michael’s Hospital, Toronto, Kanada, auf einem Symposium von Sanofi Genzyme im Rahmen des Kongresses der American Academy of Neurology (AAN) in Philadelphia.

Jiwon Oh präsentierte auf dem AAN-Kongress die Ergebnisse einer Studie, die sie gemeinsam mit Forschenden der Universitäten Toronto und London, Kanada, und der Universität Baltimore, Maryland, USA, durchgeführt hatte. Es handelt sich dabei um eine Metaanalyse von 43 Studien aus den Jahren 1977–2015. Bei 6.635 (58 %) von insgesamt 14.538 MS-Betroffenen lag demnach eine sexuelle Dysfunktion vor (95-%-KI: 52–64 %). Männer und Frauen waren etwa gleich häufig betroffen. Laut Multivarianzanalyse hatten Alter, Behinderungsgrad (EDSS), Krankheitsdauer und Verlaufsform der Erkrankung keinen signifikanten Einfluss auf die SD-Rate.1 „Wir haben das Ausmaß sexueller Dysfunktion bisher offensichtlich unterschätzt“, resümierte Jiwon Oh.

Mehrere Studien zeigten bei MS-Betroffenen aber eine enge Korrelation zwischen sexueller Dysfunktion und einer erhöhten Rate psychischer Störungen wie Depressionen sowie einer beeinträchtigten Lebensqualität, unabhängig von anderen krankheitsbezogenen Faktoren.2,3

Was beeinträchtigt die Sexualität?

Jiwon Oh zufolge kann eine MS die intime Paarbeziehung auf verschiedenen Ebenen stören:

  • Bei primärer sexueller Dysfunktion besteht ein unmittelbarer Einfluss der erkrankungsbedingten körperlichen Veränderungen auf die Sexualfunktion. So treten beispielsweise aufgrund der spinalen Schädigung bei vielen betroffenen Männern Erektions- oder Ejakulationsstörungen auf, bei Frauen Scheidentrockenheit und bei beiden Geschlechtern genitale Sensibilitätsstörungen wie Taubheitsgefühl, Schmerz oder Allodynie. Auch verminderte Libido und Orgasmusstörungen können aus der MS-bedingten Neurodegeneration folgen.
  • Sekundäre sexuelle Dysfunktion bedeutet, dass die intime Begegnung aufgrund anderer MS-bedingter Beeinträchtigungen wie Muskelschwäche, Fatigue oder Spastik erschwert oder gestört wird. Auch Harn- oder Stuhlinkontinenz und die damit verbundenen Gefühle wie Scham, Angst vor Kontrollverlust oder Ekel gehören zu den häufigen Störfaktoren.
  • Der Übergang von der sekundären zur tertiären sexuellen Dysfunktion ist fließend: Bei Letzterer sind die Störfaktoren beispielsweise ein negatives Selbst- und Körperbild oder die Verschiebung der Rollen − vom Liebespaar zur Beziehung zwischen pflegender und erkrankter Person. Auch kulturell geprägte Normen und Erwartungen in Bezug auf das Sexualverhalten wirken hier häufig einengend. Entspricht man nicht dem Idealbild, dann kann das schnell in Frustration münden und schließlich in die komplette Vermeidung sexueller Aktivität. „Frustration und Vermeidung heizen sich dann oft gegenseitig an“, weiß Jiwon Oh.

Gespräch in geeignetem Rahmen anbieten

„Wir sollten sexuelle Dysfunktion bei MS-Betroffenen gezielter erkennen, um sie dann wirksam zu behandeln,“ appellierte Jiwon Oh an alle in der MS-Diagnostik und -Therapie Tätigen. Den Betroffenen ein Gespräch über solch intime und persönliche Themen wie Sexualität, Verhütung und Kinderwunsch anzubieten und einen geeigneten Rahmen dafür zu schaffen, sei dabei bereits der entscheidende Schritt. Je nach Problemstellung können dann sehr unterschiedliche Interventionen weiterhelfen. Sexualtherapeutische Einzel- oder auch Paargespräche über den Umgang mit Frustration, Ängsten und überzogenen Erwartungen sind oft hilfreich. Die Belastungs-, aber auch die Resilienzfaktoren der Paarbeziehung angesichts der Erkrankung können hier zur Sprache kommen. Gegebenenfalls ist eine Anpassung der symptomatischen MS-Therapie, etwa der Inkontinenzbehandlung, angezeigt. Auch einfache, in der Therapie sexueller Dysfunktion etablierte Hilfsmittel − wie Gleitmittel − oder Medikamente wie PDE-5-Hemmer sind in Erwägung zu ziehen.3

MS Ikon Referenzen

Referenzen

  1. Kim D et al. Sexual dysfunction in multiple sclerosis: a systematic review and meta-analysis of prevalence. Neurology 2019; 92 (15 Suppl.): P5.2-089. https://n.neurology.org/content/92/15_Supplement/P5.2-089

  2. Hösl KM et al. Sexual Dysfunction Seems to Trigger Depression in Female Multiple Sclerosis Patients. Eur Neurol 2018; 80:34–41

  3. Pöttgen et al. Sexual dysfunctions in MS in relation to neuropsychiatric aspects and its psychological treatment: A scoping review. PLoS One 2018; 13(2): e0193381.

Quelle

Symposium von Sanofi Genzyme „A new look at gender-based issues throughout the MS continuum“, 8.5.2019, American Academy of Neurology Annual Meeting, Philadelphia, USA

GZDE.MS.19.07.0414

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