SARS-CoV-2-Impfung bei MS

MS-Erkrankte sollten sich gegen SARS-CoV-2 impfen lassen. Die MS-Therapie wird in der Regel fortgeführt.

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Impfung gegen SARS-CoV-2: Was ist bei MS zu beachten?

Wie wirksam und sicher sind die neuen Impfungen gegen SARS-CoV-2 unter einer Behandlung mit Immuntherapeutika? Ist bei MS eine Anpassung der Standardimpfregimes ratsam? Diese und viele andere Fragen rund um das Thema COVID-19-Impfung bei MS können zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschließend beantwortet werden. Alle bisher verfügbaren Daten sprechen aber dafür, in Bezug auf SARS-CoV-2-Impfungen den allgemeinen Empfehlungen zum Impfen bei MS zu folgen. Da es demnach keine MS-bezogenen Einschränkungen gegenüber Totimpfstoffen gibt, spricht bislang auch nichts gegen SARS-CoV-2-Impfstoffe, weder gegen die bislang zugelassenen noch die derzeit in Entwicklung befindlichen (s. Apropos). In den bisherigen Zulassungsstudien traten keine schwerwiegenden Nebenwirkungen auf. Die beobachteten Nebenwirkungen beschränkten sich auf die von anderen Impfungen bekannten unspezifischen und vorübergehenden Symptome wie lokale Schmerzen an der Einstichstelle, Müdigkeit oder erhöhte Körpertemperatur. Langzeitdaten über Beobachtungszeiträume von mehr als acht Monaten stehen noch nicht zur Verfügung. Alles spricht aber bislang dafür, dass das Risiko, durch COVID-19 zu sterben oder schwere Schäden zu erleiden, sehr viel höher ist als ein potenzielles Risiko durch bislang noch unbekannte Nebenwirkungen der Impfung.1,2

MS-Fachgesellschaften raten zur Impfung

Weltweit plädieren die MS-Fachgesellschaften dafür, Menschen mit MS regulär im Rahmen der jeweiligen nationalen Pandemiepläne zu impfen. Entsprechende Stellungnahmen liegen unter anderem vom deutschen Kompetenznetz Multiple Sklerose, der MS International Federation (MSIF), der US-amerikanischen und der britischen MS-Gesellschaft vor.1,3-5 In Deutschland stehen MS-Betroffene laut Coronavirus-Impfverordnung an dritter Stelle in der Impfreihenfolge, in der Kategorie „Schutzimpfungen mit erhöhter Priorität“. Im Wortlaut sind dort sowohl „Personen mit Autoimmunerkrankungen“ als auch „Personen mit chronischen neurologischen Erkrankungen“ aufgeführt.6

Es ist zwar davon auszugehen, dass die Impfantwort unter einigen Immuntherapeutika abgeschwächt ist. Das betrifft vor allem zelldepletierende Therapien und Sphingosin-1-Phosphat (S1P)-Modulatoren. Auch bis zu drei Monate nach einer Kortikosteroid-Stoßtherapie kann die Immunantwort abgeschwächt sein.7 Die Rationale dafür, dennoch zu impfen, beruht auf Beobachtungen aus den klinischen Studien zu SARS-CoV-2-Impfungen. Diese zeigten, dass auch bei abgeschwächter Immunantwort auf die Impfung die Rate der Infizierten deutlich niedriger war als bei Ungeimpften und dass in der Gesamtpopulation der gegen SARS-CoV-2 Geimpften signifikant weniger schwere COVID-19-Verläufe auftraten.2 Es spricht bislang nichts gegen die Annahme, dass auch eine durch Immuntherapeutika abgeschwächte Immunität gegen SARS-CoV-2 zumindest einen gewissen Schutz bietet. Möglicherweise kann man damit einem durch andere Faktoren erhöhten Risiko für SARS-CoV-2-Infektionen und schwere Verläufe entgegenwirken. Diese Risiken sind bei MS-Betroffenen unter Anti-CD20-Therapien erhöht und möglicherweise auch unter Natalizumab8. Dazu kommen bei vielen MS-Kranken auch allgemeine Risikofaktoren wie fortgeschrittenes Alter, Adipositas oder relevante Begleiterkrankungen.7 Zum Schutz der Betroffenen ist laut MSIF auch die Impfung aller engen Kontaktpersonen, beispielsweise Mitglieder desselben Haushalts, ratsam.3

Ausreichender Impfschutz trotz abgeschwächter Immunantwort?

Im Idealfall sollten Impfungen mindestens sechs Wochen vor Beginn einer Immuntherapie abgeschlossen sein. Unter zelldepletierenden Therapien soll die Impfung nach Möglichkeit erst vier Monate nach Medikamentengabe oder später erfolgen.1 Fallserien zeigten allerdings, dass COVID-19 bei MS-Kranken unter einer Anti-CD20-Therapie in den meisten Fällen ohne Komplikationen ausheilt. Das spricht dafür, dass unter diesen Medikamenten, trotz der beeinträchtigten humoralen Immunantwort, in den meisten Fällen die zelluläre Immunantwort noch gut genug funktioniert, um den Virenbefall wirksam zu parieren.8 Ähnliches konnte in der VELOCE-Studie in Bezug auf verschiedene Impfungen unter der MS-Therapie mit Ocrelizumab gezeigt werden: Trotz einer abgeschwächten humoralen Immunantwort wurden immer noch ausreichend hohe Seroprotektionsraten erzielt. Wenn die Impfung erst zwölf Wochen nach Ocrelizumab-Gabe erfolgte, war der abschwächende Effekt auf die Immunantwort weniger stark ausgeprägt als bei Impfung ohne Zeitabstand.9 Inwiefern diese Befunde auf die SARS-CoV-2-Impfung übertragbar sind, ist unklar. Die Daten scheinen zwar dafür zu sprechen, alle Impfungen möglichst erst zwölf Wochen nach der Gabe eines zelldepletierenden MS-Medikaments durchzuführen, oder mindestens vier Wochen vor Beginn der zelldepletierenden Therapie die Impfung abzuschließen. Sie deuten aber auch darauf hin, dass möglicherweise auch ohne Zeitabstand zur Immuntherapie ein Teilschutz gegen Infektionen erzielt werden kann. Auch S1P-Modulatoren schwächen die Immunantwort auf Impfungen. Ob diese bei den SARS-CoV-2-Impfungen dennoch ausreicht, um Infektionen abzuwehren, ist unklar. Eine Therapiepause zugunsten einer SARS-CoV-2-Impfung erscheint aber angesichts des dann hohen Risikos für eine MS-Progression nicht vertretbar.5,8

Andere Immuntherapeutika beeinträchtigen die Wirksamkeit von Totimpfstoffen gar nicht oder nur geringfügig. Dazu zählen Interferone, Immunglobuline, Glatiramerazetat, Teriflunomid, Dimethylfumarat und Natalizumab. Ein Sicherheitsabstand zur Impfung ist bei diesen Substanzen nicht notwendig.7 Die hämatopoetische Stammzelltransplantation beeinträchtigt die Wirksamkeit von Impfungen erheblich. Diese sollten im Idealfall vor der Behandlung abgeschlossen sein oder – bei Totimpfstoffen – frühestens sechs Monate nach der Transplantation erfolgen.

Im Zweifelsfall Therapie beibehalten und impfen

Auf keinen Fall sollte man den Erfolg geplanter oder laufender MS-Therapien zugunsten einer höheren Wirksamkeit der SARS-CoV-2-Impfung aufs Spiel setzen, warnen die Fachgesellschaften. Dennoch erscheinen in einem bestimmten Rahmen Anpassungen der zeitlichen Abfolge von Behandlungen ratsam, um eine Abschwächung der Immunantwort durch bestimmte Immuntherapeutika zu vermeiden. Oft ist eine Entscheidung nur anhand der individuellen Situation möglich. Dabei spielen insbesondere der bisherige Krankheitsverlauf und das Progressionsrisiko eine entscheidende Rolle.1,3-5

MS Ikon Apropos

Apropos

Einschränkungen, die unter bestimmten Immuntherapien für die Gabe von Lebendimpfstoffen gelten, sind weder für die bislang zugelassenen mRNA-basierten Impfstoffe von Relevanz, noch für die in der klinischen Entwicklung oder kurz vor der Zulassung befindlichen vektor- oder proteombasierten Impfstoffe. Die in vektorbasierten SARS-CoV-2-Impfstoffen enthaltenen Viren sind zwar funktionsfähig, das heißt sie können die Produktion einzelner SARS-CoV-2-Spikeproteine induzieren und damit die gewünschte Immunantwort anregen. Diese Viren sind aber, anders als bei klassischen Lebendimpfstoffen, nicht replikationsfähig.

Zusammenfassung

SARS-CoV-2-Impfstoffe sind nach allen bisher verfügbaren Erkenntnissen bei MS-Erkrankten wirksam und sicher. Interferone, Glatiramerazetat, Teriflunomid, Dimethylfumarat und Natalizumab scheinen die Wirksamkeit von Impfungen nicht zu beeinflussen. Zelldepletierende Therapien, S1P-Modulatoren, Kortikosteroide und die hämatopetische Stammzelltransplantation können jedoch die Impfantwort beeinträchtigen. Das kann vermieden werden, indem die Impfung spätestens vier Wochen vor Beginn der medikamentösen Behandlung abgeschlossen oder frühestens vier Monate nach Medikamentengabe verabreicht wird. Die SARS-CoV-2-Impfung ist aber nie ein hinreichender Grund, den Erfolg der MS-Therapie - etwa durch eine zu lange Therapiepause - aufs Spiel zu setzen. Im Zweifelsfall sollte die MS-Therapie beibehalten werden. Selbst wenn der optimale Abstand der Impfung zur Gabe des Immuntherapeutikums unterschritten wird, kann vermutlich in vielen Fällen noch ein ausreichender Impfschutz erzielt werden.

MS Ikon Referenzen

Referenzen

  1. Stellungnahme des Kompetenznetzes Multiple Sklerose KKNMS zu Impfungen einschließlich gegen SARS-CoV-2 (auch unterCoronaoderCOVID-19 bekannt) bei MS-Betroffenen. Pressemitteilung vom 18.12.2020. www.kompetenznetz-multiplesklerose.de
  2. Robert Koch Institut. Beschluss der STIKO zur 1. Aktualisierung der COVID-19-Impfempfehlung. Epidemiologisches Bulletin 2/2021; 14. Januar 2021. www.rki.de
  3. MS International Federation. MS, the coronavirus and vaccines – updated global advice. Last updated: February 4, 2021.
  4. National Multiple Sclerosis Society. COVID-19 Vaccine Guidance for People Living with MS. Last updated: February 10, 2021. www.nationalmssociety.org
  5. MS Society Medical Advisers consensus statement on MS treatments and COVID-19 vaccines. January 6, 2021. www.mssociety.org.uk
  6. Bundesministerium für Gesundheit. Verordnung zum Anspruch auf Schutzimpfung gegen das Coronavirus SARS-CoV-2(Coronavirus-Impfverordnung–CoronaImpfV). Bundesanzeiger 08.02.2021.
  7. Reyes S, Ramsay M, Ladhani S et al. Protecting people with multiple sclerosis through vaccination. Pract Neurol 2020; 20: 435-45.
  8. Giovannoni G, Smets I, Reyes S. MS Minute: The COVID-19 Vaccine & Vaccine Readiness in MS. Pract Neurol 2021; 21: 77-81.
  9. Bar-Or A, Calkwood JC, Chognot C et al. Effect of ocrelizumab on vaccine responses in patients with multiple sclerosis: The VELOCE study. Neurology 2020; 95(14):e1999-e2008.

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